Lago di Nemi
Der Geruch kommt zuerst. Feuchte Erde, Waldmoos, und darunter etwas Süßliches, das man nicht sofort benennen kann. Dann tritt man durch die Bäume – und plötzlich liegt er da. Dunkelgrün, vollkommen ruhig, eingebettet in den Kraterrand wie Wasser in einer alten Schüssel. Kein Wellengang. Kein Horizont. Nur dieser stille Spiegel, der den Himmel zurückwirft und dabei aussieht, als hätte er das schon immer getan.
Geschichte
Die Römer nannten ihn Speculum Dianae – Spiegel der Diana. Nicht Metapher, sondern Überzeugung. Am Ufer stand ein Tempel der Göttin, und sein Priestertum war anders als alles sonst in der Antike: Wer Hohepriester werden wollte, musste den amtierenden im Zweikampf töten. Dieser Brauch beschäftigte Gelehrte Jahrhunderte lang. James George Frazer machte ihn 1890 zum Ausgangspunkt seines Werkes Der goldene Zweig – ein Buch, das die moderne Kulturanthropologie begründete. Der See hat also nicht nur Wasser gehalten, sondern Ideen.
Erleben
Im Juni beginnt rund um Nemi die Erdbeer-Saison. Dann füllt sich der kleine Ort am Kraterrand mit Menschen, die Fragole di Nemi in Pappbechern essen und den Blick auf den See genießen. Wer Stille will, kommt im Oktober. Nebelmorgen, kaum ein Auto. Das Licht fällt schräg durch den Wald, der Kraterrand wirft Schatten über die Hälfte des Sees. Dann wirkt die Anlage wie ein natürliches Amphitheater, das auf nichts und niemanden wartet.
Insider-Tipp
Es gibt einen Pfad, der vom Ortsrand Nemis direkt zum Seeufer hinabführt – steil, etwas rutschig nach Regen, aber in etwa 20 Minuten zu schaffen. Unten am Ufer angekommen ist man fast allein. Die meisten Besucher bleiben oben am Aussichtspunkt. Einheimische aus Ariccia kommen freitags früh zum Fischen – kleine Klappsühle, Thermoskanne, kein Gespräch. Der See ist Privatbesitz, Schwimmen ist nicht erlaubt, aber am Ufer sitzen schon.
Besuchstipp
Feste Schuhe einplanen, der Abstiegspfad ist kein Spazierweg. Im Mai oder Oktober kommen – nicht Juli, dann ist Nemi voll. Zwei Stunden reichen für den See selbst, wer die Erdbeeren probieren will, plant noch eine Stunde im Ort ein. Am Ende sitzt man auf einer Mauer über dem Kraterrand, isst Fragole aus einem Plastikbecher und schaut auf einen See, der so ruhig ist, dass man denkt, er schläft.
Häufige Fragen
Wie komme ich vom Zentrum Ariccas zum Lago di Nemi?
Von Ariccia sind es etwa vier Kilometer nach Nemi – mit dem Auto in rund acht Minuten. Eine Busverbindung existiert über die COTRAL-Linie Richtung Velletri, Haltestelle Nemi. Vom Ort selbst läuft man den Aussichtspunkt in wenigen Minuten an, der Abstieg zum Ufer dauert etwa 20 Minuten zu Fuß.
Kann man am Lago di Nemi schwimmen oder Boot fahren?
Nein. Der Lago di Nemi ist vollständig in Privatbesitz und für Badende gesperrt. Auch Boote dürfen nicht privat eingesetzt werden. Das Ufer selbst ist an einigen Stellen erreichbar und zum Verweilen geeignet – mehr aber nicht. Wer Wasser will, bleibt besser am Albaner See.
Was hat Mussolini mit dem Lago di Nemi zu tun?
Mussolini ließ in den 1930er Jahren zwei riesige antike Römerschiffe vom Grund des Lago di Nemi bergen – eine technische Sensation. Dafür wurde der Seespiegel teilweise abgesenkt. Die Schiffe landeten in einem eigens gebauten Museum direkt am Ufer. Deutsche Truppen zündeten es 1944 an. Heute zeigt das Museo delle Navi Romane Repliken und Fundstücke.
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