Berchidda – Gemeinde in Italien

Gemeinde in Italien

Mitten in der gallurese Hochebene Sardiniens, wo die Straße nach Tempio Pausania sich durch Korkeichen windet, liegt Berchidda – ein Ort, der nach Kork und Wein riecht und beides in ernster Absicht produziert. Rund 2.700 Menschen leben hier, zwischen dem bewaldeten Monte Limbara im Norden und dem glitzernden Coghinas-Stausee im Süden. Berchidda wäre vielleicht ein stilles Dorf wie jedes andere in der Gallura – wäre da nicht das Jazz-Festival Time in Jazz, das jeden August internationales Publikum in diese Hochebene zieht. Paolo Fresu, der hier aufgewachsen ist, hat dafür gesorgt.

Sehenswürdigkeiten & Highlights

Die Chiesa di San Sebastiano steht am Dorfrand wie ein ruhiges Versprechen – weißer Kalkstein, barocke Schlichtheit, morgens fällt Licht durch die kleinen Fenster auf leere Holzbänke. Wer Nuraghenkunde ernst nimmt, fährt wenige Kilometer hinaus zum Nuraghe Ruiu, einem bronzezeitlichen Turm, der in der Macchia fast verschwindet. Das Museo del Vino im Ort zeigt, wie Vermentino hier groß wird – Flaschen, Geschichte, Geruchsproben. Der Lago del Coghinas glänzt türkis-grün in der Mittagshitze; Fischer sitzen am Ufer, niemand hat Eile. Monte Limbara überragt alles – Granit, Adler, weite Stille.

Natur & Umgebung

Der Monte Limbara ist kein Ausflugsziel für zwischendurch. Wer die Forststraßen hochfährt, landet in einem Granitmassiv mit Eichen und Erdbeerbäumen, wo im Winter Schnee liegt und im Sommer Stille herrscht. Von der Anhöhe sieht man bis nach Korsika. Unten im Tal schlingt sich der Coghinas durch rotes Gestein – Kajakfahrer kennen die ruhigeren Abschnitte, Wanderer folgen dem Flussweg nach Oschiri. Die Weinberge rund um Berchidda haben im September einen bestimmten Geruch: Gärung, Erde, heißer Stein. Das ist kein Gleichnis, das riecht man wirklich.

Essen & lokale Spezialitäten

Vermentino di Gallura – das ist der Wein, dem Berchidda seinen Ruf verdankt. Frisch, mineralisch, mit dieser leichten Bitterkeit am Abgang, die Einheimische verteidigen wie ein Familiengeheimnis. Dazu isst man Porceddu, das sardische Spanferkel, langsam über Myrtenholz gegart. In der Bar am Hauptplatz gibt es morgens Mirto und abends wieder Mirto – der Myrtenlikör begleitet hier jede Tageszeit ohne Entschuldigung. Pecorino sardo kauft man besser direkt beim Schäfer als im Supermarkt. Wer Freitag auf den kleinen Wochenmarkt kommt, findet Käse, Honig und Cachi-Kaki aus Nachbarsgärten.

Praktische Infos

Ohne Auto kommt man nicht weit. Berchidda liegt rund 30 Kilometer von Olbia entfernt – der nächste Flughafen mit Direktverbindungen aus Deutschland. Von dort fährt man auf der SS127 südwärts durch Granitlandschaft, etwa 40 Minuten. Busse existieren, fahren aber selten. Übernachten kann man in kleinen Agriturismi auf den Weinbergen oder in privaten Zimmern – Hotels großen Formats gibt es nicht und werden vermutlich auch nicht gebaut. Die beste Reisezeit: Mai bis Juni, wenn die Hitze noch nicht brennt, oder September, wenn die Weinlese läuft. Im August ist Time in Jazz – dann früh buchen oder gar nicht erst suchen.

Häufige Fragen

Was ist Time in Jazz und muss ich das Festival kennen, um nach Berchidda zu fahren?

Time in Jazz findet jedes Jahr im August statt und wurde von Paolo Fresu gegründet, der in Berchidda aufgewachsen ist. Konzerte finden auf Piazze, in Kirchen, auf Weinbergen statt – kein Festivalgelände, kein Zaun, kein Plastikarmbänder. Wer Jazz nicht liebt, fährt trotzdem hin – die Atmosphäre ist intimer als jedes Stadtfestival.

Kann man am Lago del Coghinas schwimmen?

Ja, an mehreren Stellen am Ufer, besonders südlich von Berchidda bei Oschiri. Das Wasser ist im Sommer warm genug, der Untergrund steinig. Infrastruktur wie Duschen oder Kioske sucht man vergeblich – Handtuch, Wasser, Schatten selbst mitbringen.

Wo kauft man den besten Vermentino direkt vor Ort?

Bei den Weingütern rund um Berchidda – Tenute Sella & Mosca hat hier Rebflächen, kleinere Produzenten verkaufen direkt ab Hof. Einfach klingeln, auf Sardisch lächeln und Zeit mitbringen. Das Museo del Vino gibt außerdem einen guten Überblick, welche Güter überhaupt in Frage kommen.

Fazit

Berchidda ist nichts für jemanden, der Beschäftigung braucht. Wer aber einmal verstehen will, wie sardisches Leben wirklich funktioniert – zwischen Wein, Kork, Jahreszeiten und einem unwahrscheinlichen Jazzfestival – findet hier mehr als genug. Die Landschaft ist wuchtig, der Wein ist ernst zu nehmen, die Stille ist echt. Und wer Paulo Fresu schätzt, steht womöglich auf der Piazza, auf der er als Kind Trompete üben gelernt hat. Das rechtfertigt die Fahrt für sich allein.