Bosco delle Querce
Der Boden riecht nach feuchter Erde und verrottetem Laub. Zwischen den Eichen ist es still – eine ungewöhnliche Stille für eine Gegend, die wenige Kilometer von Mailand entfernt liegt. Kein Motorenlärm, kein Baustellenkreischen. Nur Vögel. Dabei wächst dieser Wald auf einem der giftigsten Böden Italiens. Wer das nicht weiß, läuft einfach durch goldenes Herbstlicht und denkt, er sei im Paradies.
Geschichte
Am 10. Juli 1976 explodierte in einem Chemiewerk am Rande von Seveso ein Reaktor. Die Dioxinwolke, die sich danach über die Felder senkte, war eine der schlimmsten Industriekatastrophen der Nachkriegszeit in Europa. Kinder bekamen Hautausschläge, Tiere starben, Böden wurden versiegelt. Die kontaminierteste Zone – Zone A – wurde evakuiert, eingezäunt, jahrelang gemieden. Dann beschloss die Region Lombardei im Geiste der Zeitgenössischen Ökologie, genau hier einen Wald zu pflanzen. Seit den 1980er Jahren wächst er. Was einmal verbotenes Land war, ist heute Lebensraum.
Erleben
Im Frühling treibt das Unterholz aus, hellgrün und dicht. Dann klingt der Wald fast nach Regen, selbst wenn keiner fällt – das Rascheln ist überall. Im Herbst färben sich die Eichen rotbraun und das Licht bricht schräg durch die Kronen. Morgens, kurz nach Sonnenaufgang, ist der Wald am eindrucksvollsten: Bodennebel zwischen den Stämmen, kein Mensch weit und breit. Wer um neun Uhr kommt, trifft schon Jogger. Wer um sieben kommt, trifft Stille.
Insider-Tipp
Die Einheimischen aus Seveso und Meda nutzen den Wald als Laufrunde – gut ausgebaute Wege, flach, leicht zu gehen. Was kaum jemand weiß: Im nördlichen Teil des Geländes gibt es einen kleinen Teich, der sich nicht auf den offiziellen Übersichtskarten findet. Er liegt abseits des Hauptpfades, hinter einer Biegung nach der zweiten Holzbrücke. Dort sitzen manchmal ältere Männer aus dem Dorf und angeln schweigend. Sie kennen den Wald seit seiner Entstehung.
Besuchstipp
Feste Schuhe einpacken, nach Regen wird der Lehmboden rutschig. Oktober bis November ist die beste Zeit – das Laub leuchtet, der Andrang ist gering. Zwei Stunden sind genug für eine Runde. Stell dir vor: Du stehst auf dem alten Deponiegelände, über dir eine Eiche, die älter ist als der Skandal vergessen wurde, und weißt, dass genau hier einmal Warnschilder standen.
Häufige Fragen
Ist ein Besuch im Bosco delle Querce heute gesundheitlich unbedenklich?
Ja. Die kontaminierten Böden wurden versiegelt und mit sauberem Material überdeckt, bevor der Wald angepflanzt wurde. Das Betreten der Wege ist seit Jahrzehnten offiziell freigegeben. Vom Boden fressen oder graben sollte man dennoch nicht – aber das gilt für jeden Stadtwald.
Wie komme ich am besten zum Bosco delle Querce, wenn ich kein Auto habe?
Mit dem Zug bis Seveso auf der Linie S9 von Mailand, dann etwa 20 Minuten zu Fuß über die Via Monte Grappa. Die Strecke führt durch ruhige Wohnstraßen und gibt einem Zeit, den Übergang von Stadtrand zu Wald zu spüren.
Gibt es im Bosco delle Querce geführte Touren, die die Geschichte des Dioxin-Unfalls erklären?
Gelegentlich organisieren lokale Umweltgruppen und die Gemeinde Seveso Führungen, besonders rund um den Jahrestag im Juli. Die Termine werden über die Gemeindewebsite und Aushänge in der Bibliothek von Seveso bekanntgegeben – nicht über große Tourismusplattformen.
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