Morgens geht hier niemand in den Supermarkt, wenn er Brot will. Die ältere Frau von nebenan kennt noch den Bäcker, dem sie seit zwanzig Jahren vertraut – das Brot ist dunkler, fester, riecht anders als das eingeschweißte im Regal. Fleisch kauft man beim Metzger, nicht beim Discounter. Was in keiner Einkaufstasche landet: Markenschuhe, Designerjacken, Elektronik. Wer das braucht, fährt. Das ist keine Klage, das ist einfach der Vertrag, den man mit dieser Stadt stillschweigend schließt, wenn man hier lebt.
Einkaufsstraßen
Die Hauptstraße durch Siniscola – der Corso – ist nicht breit, nicht glamourös, aber sie funktioniert. Zwischen neun und zwölf Uhr ist sie lebendig: Frauen mit Einkaufstaschen, ein paar Männer vor dem Bar-Eingang, Mopeds, die langsam vorbeischleichen. Die Läden hier sind klein, die Türen oft offen. Ein Lebensmittelhändler kennt seine Kunden beim Namen. Wer neu ist, merkt das sofort – nicht weil man ignoriert wird, sondern weil der Inhaber kurz aufschaut und dann freundlich weiter abwiegt.
Luxus & Designer
Wer ein ordentliches Hemd oder Lederschuhe einer bekannten Marke braucht, fährt nach Nuoro. Die Strecke zieht sich durch Bergland, etwa dreißig bis vierzig Minuten, aber Nuoro ist die nächste Stadt mit echten Modeketten und einem richtigen Stadtzentrum. Dort gibt es Schaufenster, in denen Anzugsjacken hängen, Schuhläden mit Markenware. Siniscola-Bewohner fahren nicht jeden Monat hin – aber vor dem Schulbeginn, vor einer Hochzeit, vor dem Urlaub. Dann lohnt sich der Ausflug, und man macht gleich zwei, drei Besorgungen auf einmal.
Viertel & Boutiquen
Etwas abseits vom Corso gibt es Gassen, in denen Besucher kaum landen. Dort, wo die Häuser enger stehen und die Straßen keinen Touristenzweck erfüllen, sitzt manchmal ein kleiner Laden ohne Schild – oder fast ohne. Wer dort einkauft, kennt ihn seit Jahren. Oliven, Käse, vielleicht ein Fläschchen selbst gemachter Likör. Kein Preisschild, kein bargeldloser Zahlung – man fragt, man zahlt, man geht. Besucher laufen daran vorbei, weil von außen nichts auf einen Laden hindeutet. Einheimische wissen, wann aufgesperrt wird.
Märkte & Spezialitäten
Mittwochs findet in Siniscola ein Wochenmarkt statt. Gemüse aus der Umgebung, Kleidung, Haushaltswaren – alles auf einer überschaubaren Fläche. Die Händler kennen ihre Stammkunden, die Stammkunden kennen, welcher Stand die besseren Tomaten hat. Wer frisches Obst außerhalb des Markttages sucht, geht zum kleinen Gemüseladen im Ort oder kauft direkt bei einem der Bauern, die ihre Ware manchmal vom Lieferwagen aus verkaufen. Das ist keine romantische Idee – das passiert wirklich, und der Preis ist meistens fairer als im Laden.
Einkaufszentren & Outlets
Einen Kühlschrank kauft man nicht in Siniscola. Wer ein großes Elektrogerät oder Sportschuhe einer bestimmten Marke braucht, fährt nach Olbia oder Nuoro – Olbia ist weiter, aber größer, mit Elektronikketten und einem Einkaufszentrum am Stadtrand. Die Fahrt nach Olbia dauert fast eine Stunde, manchmal mehr. Man plant das als ganzen Tag: Elektromarkt, Mittagessen, vielleicht noch ein Kleidungsgeschäft. Niemand fährt mal eben kurz hin. Aber wenn man schon da ist, nimmt man die Liste mit – und die der Nachbarn gleich dazu.
Besonderheiten
Das Besondere hier liegt nicht in Läden, die man googeln kann. In der Gegend um Siniscola wächst Mirto – Myrte – und der Likör daraus ist anders als das, was man in Touristenläden in Alghero kauft. Wer einen guten Mirto will, kauft ihn direkt: bei jemandem, den ein Bekannter empfohlen hat, aus einer unbeschrifteten Flasche, zu einem Preis, über den man kurz verhandelt. Dazu kommt Schafskäse aus der Barbagia-Region, den Händler auf dem Markt mitbringen. Den gibt es anderswo auch – aber nicht in dieser Frische und nicht zu diesem Preis.