Geheimtipps in Taranto

📍 Besondere Orte & wenig bekannte Plätze

Das Rione Tamburi liegt nordwestlich der Altstadt, dort, wo die Hausfassaden aus gelblichem Tuffstein in schmalen Gassen stehen, die kaum zwei Autos Platz lassen. Die Straßen folgen einem unregelmäßigen Raster, das die Hanglage des Geländes widerspiegelt. Die Via Acclavio ist eine dieser Achsen: Am frühen Morgen stellen hier Händler Gemüsekisten vor halboffene Kelleräume, mittags wird die Straße leer, die Holzläden geschlossen. Abends kehren Anwohner zurück, sitzen auf Plastikstühlen vor Eingangstüren. Das Viertel dient heute als Wohnquartier für Arbeiterfamilien, viele davon über Generationen mit dem Stahlwerk ILVA verbunden.

🍝 Regionale Spezialitäten & typische Lokale

Die Cozze tarantine, die Miesmuscheln aus dem Mar Piccolo, haben eine Muschelwand, die unter dem Messer leicht federt, bevor sie nachgibt. Das Fleisch ist dichter und salziger als das adriatischer Muscheln, mit einem metallisch-mineralischen Nachgeschmack, den das brackige Wasser des Binnensees erzeugt. Auf dem Mercato di Porta Napoli, dem zentralen Markt der Città Nuova, verkaufen Händler sie roh in Plastikschüsseln mit Meerwasser. Gezüchtet werden sie seit der Antike in den sogenannten Seno di Levante-Gewässern, wo Süß- und Salzwasser sich mischen und den Nährstoffgehalt dauerhaft erhöhen.

🧑‍🤝‍🧑 Lokales Leben & typische Nutzungen

Gegen sieben Uhr morgens füllt sich der Bereich rund um den Bahnhof Taranto Centrale mit Pendlern, die Richtung Brindisi oder Bari weiterfahren. Das eigentliche Alltagszentrum der Einheimischen aber ist der Largo Virgilio, eine breite Platzfläche südlich der Altstadt, die kein Reiseführer führt. Hier treffen sich Rentner ab zehn Uhr, trinken caffè corretto aus Plastikbechern, diskutieren den Stand der ILVA-Verhandlungen. Frauen aus dem Rione Paolo VI kommen zum Einkaufen vorbei. Der Platz hat keinen Springbrunnen, keine Terrassen, nur Betonbänke und eine Bar mit Metallrolladen, die um vierzehn Uhr schließt.

🏘️ Bauweise & Stadtstruktur

Was sich durch die engen Gassen der Città Vecchia, der Altinsel zwischen Mar Grande und Mar Piccolo, wiederholt, sind die Balkonbrüstungen aus lokalem Pietra leccese: ein hellbeiger Kalkstein, der in frisch geschnittenem Zustand weich wie Seifenstein wirkt, nach Jahren der Meeresluft aber dunkel und porös wird. Die Balustraden sind flach und weit proportioniert, oft breiter als in Lecce selbst, weil die tarantiner Handwerker das Material auf größere Spannweiten zogen. An der Via Cariati stehen Häuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert, deren Balkone in Reihe diese Charakteristik zeigen: eine Baupraxis, die kürzere Wege zum Steinbruch und günstigere Handelswege über den Golf voraussetzt.

🌿 Landschaft & Lagebezüge

Die Stadt liegt auf einer Halbinsel und zwei Meeresbuchten, dem Mar Grande im Westen und dem Mar Piccolo im Osten, die die urbane Ausdehnung zwingen. Kein Stadtviertel kann sich in Richtung Wasser entwickeln, ohne auf Hafeninfrastruktur zu stoßen. Der Stadtteil Paolo VI, in den 1960er Jahren als Entlastungssiedlung auf dem Festland angelegt, liegt im Windschatten der Ölraffinerie ENI und des Stahlwerks ILVA im Nordwesten. Das bedeutet konkret: Wenn der Westwind dreht, trägt er Feinstaubpartikel direkt in die Wohnblöcke. Bewohner halten im Sommer Fenster geschlossen, wenn die Windrichtung stimmt, und richten den Tagesablauf danach aus.

🚶 Zugang, Wege & praktische Orientierung

Die Ponte Girevole, die drehbare Eisenbrücke zwischen der Altinsel und der Città Nuova, ist nicht nur Durchgang, sondern Schnittlinie. Sie trennt die Altstadt – rückläufig in Bevölkerungszahl, viele Gebäude leer oder gestützt – von der modernen Stadtseite. Morgens überqueren Schüler und Händler sie zu Fuß, der Pkw-Verkehr staut sich. Wenn ein Militärschiff oder Frachtboot das Horn gibt, dreht die Brücke auf: alles wartet. Auf der südlichen Seite beginnt das administrative Taranto, Banken, Ämter, der Corso Umberto I. Auf der nördlichen Seite der Altinsel endet die Straße innerhalb von hundert Metern an bröckelndem Tuffstein.

✨ Spezifische lokale Eigenheiten

Die Processione dei Misteri, die Karwochenprozession Tarantos, dauert über dreißig Stunden ohne Unterbrechung und unterscheidet sich von jeder anderen süditalienischen Prozession durch ihr Tempo: Die Confraternita dell'Addolorata bewegt sich im sogenannten nazzecata-Schritt, einem rhythmischen Wiegen des Körpers von Fußspitze zu Ferse, das den Vorwärtsgang auf ein Minimum reduziert. Die Teilnehmer tragen weiße Kapuzengewänder. Die Route durch die Altstadt und zurück zur Chiesa del Carmine dauert deshalb nicht Stunden, sondern Tage. Dieser Schritt ist kein Ritual aus der Barockzeit, sondern eine körperliche Disziplin, die Generationen von Mitgliedern innerhalb der Bruderschaften weitergeben, ohne schriftliche Anleitung.